Swallow

Buchbesprechungen und mehr über Karl May und Sekundärliteratur
Simpl

Re: Swallow

Beitrag von Simpl » Mi 12. Sep 2012, 16:23

Klaus_D hat geschrieben: Ferner fiel mir auf, daß May wie ich finde als eine Art "willenlose Marionette" beschrieben wird - dieser May soll, trotz seines Alters, seines Intellekts und seiner Lebenserfahrung offenbar keine Möglichkeit gesehen haben, seiner zweiten Frau entgegenzutreten, besonders wenn es um die Behandlung Mays erster Frau Emma ging? Das ist für mich schwer nachvollziehbar, weil ich mich in dem Zusammenhang an Briefe (KMG-Vortrag in Wolfenbüttel 2011 sowie aus der weiteren Literatur) an Verleger erinnere, in denen Tonarten Mays dokumentiert sind, die es mir in Folge schwer machen, an eine fast fühlbare Hilflosigkeit - wie im Buch beschrieben - zu glauben (lt. Buch soll er geschwiegen haben, den Kopf eingezogen, sich weggedreht, soll weitergegangen sein: Kurz: Er konnte sich offenbar nicht durchsetzen).
In Syberbergs Film wird das - m.E. überzeugend - ähnlich dargestellt: "Kopf einziehen", Wegdrehen ... Man könnte es Feigheit nennen, sagen wir freundlicher bzw. milder: Schwäche.

Und das mit den Tonarten, jenun ... Ich kenne jemanden, der jahrelang schriftlich die "dicke Lippe" riskierte oder auch die ganz große Schnauze hatte (und wenn er nicht gestorben ist ...) und dann, als er eines Tages seinen Kommunikationspartnern realiter vor die Augen trat, fast umgefallen wäre vor Hemmung und Scheu ...

:grinw:
"Oder hat Klara, nur sie war dabei, gefühlt, daß er es hätte rufen können?"
(Anmerkung: Interessant finde ich zudem, daß Loest hier das Wort können und nicht wollen nutzt - es wäre interessant zu erfahren, ob es für diese Wortwahl einen Hintergrund gibt!)
Naja, dadurch, daß er "können" schreibt, wird m.E. deutlich, daß er es offen lassen will, ob er nun wirklich gerufen hat oder nicht. Bei "wollen" wäre es schon nicht mehr so offen, sondern dann hätte er offenbar nicht gerufen.

Klaus_D

Re: Swallow

Beitrag von Klaus_D » Mi 12. Sep 2012, 16:02

Hallo,

nun habe ich das Buch auch durch. Soweit ich es sehe, sollte man May-bezüglich bereits Vorwissen zum Lesen des Buches mitbringen, da es meiner Meinung nach ansonsten nach den ersten Seiten dazu kommen könnte, daß man als unbedarfter Leser das Buch zur Seite legt - es beginnt meiner Meinung nach recht zäh und wenig ansprechend.

Erst beim Weiterlesen versteht man dann, daß die Vorgeschichten äußerst wichtig sind - aber ob "der Leser" überhaupt noch bis dahin kommt? Gut - natürlich ist die Frage, welche Klientel Loest mit diesem Buch überhaupt bedienen wollte?

Was mir aber dann beim Weiterlesen an mir selbst auffiel war: Ich mußte mir beim Lesen oftmals ins Gedächtnis zurückrufen, daß es sich um einen Roman handelt.

Insofern gehört für mich dieser wirklich gut geschriebene Roman zu einer der lesenswertesten Lektüren in meinem Fundus. Nein, man darf dieses Buch nicht als Fakt hernehmen (hier muß dann eben das Vorwissen bereits aus anderen belastbaren Quellen vorhanden sein!) -, denn Loest "entwirft [...] das spannende Porträt eines widersprüchlichen Lebens" (Zitat Rückseite Einband Swallow, mein wackerer Mustang, E. Loest, mitteldeutscher Verlag).

Loest gelingt in seinem Buch ein wirklicher Drahtseilakt: Der Akt der Vermengung von Fiktion und (vergangener) Realität, ohne einer der betroffenen, benannten Personen in irgendeiner Art und Weise "an die Karre zu fahren". Das Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen werden mit einer zurückhaltenden Sanftmut - oder soll man schon Anmut sagen? - beschrieben.

Solche Arten von Romanen durfte ich in der Regel stets so kennenlernen, daß sie eine wunderbare, erdachte Geschichte um reale Personen und einige (mehr oder weniger) vorhandene Unterlagen herum, welche kunstvoll eingearbeitet werden, enthalten.

Gleichwohl ist mir in dem Buch regelrecht aufgefallen, daß May insgesamt scheinbar in eine Opferrolle geschrieben wird. Ob dies möglicherweise damit zusammenhängt, daß sowohl Loest als auch May als Gefangene eingefahren sind?

Ferner fiel mir auf, daß May wie ich finde als eine Art "willenlose Marionette" beschrieben wird - dieser May soll, trotz seines Alters, seines Intellekts und seiner Lebenserfahrung offenbar keine Möglichkeit gesehen haben, seiner zweiten Frau entgegenzutreten, besonders wenn es um die Behandlung Mays erster Frau Emma ging? Das ist für mich schwer nachvollziehbar, weil ich mich in dem Zusammenhang an Briefe (KMG-Vortrag in Wolfenbüttel 2011 sowie aus der weiteren Literatur) an Verleger erinnere, in denen Tonarten Mays dokumentiert sind, die es mir in Folge schwer machen, an eine fast fühlbare Hilflosigkeit - wie im Buch beschrieben - zu glauben (lt. Buch soll er geschwiegen haben, den Kopf eingezogen, sich weggedreht, soll weitergegangen sein- kurz: Er konnte sich offenbar nicht durchsetzen).

Leider endet dann das Buch für meinen Geschmack etwas abrupt, gerne hätte ich noch viel mehr gelesen. Wollte der Autor nun unbedingt zu Ende kommen?

Gut finde ich jedoch Loests höchstselbst geschriebene Erinnerung daran, daß es sich um einen Roman handelt, indem er als letzten Satz auf das May zugeschriebene Zitat
"Sieg, großer Sieg, ich sehe alles rosenrot!"
schreibt (Zitat aus v.g. Buch):

"Oder hat Klara, nur sie war dabei, gefühlt, daß er es hätte rufen können?"
(Anmerkung: Interessant finde ich zudem, daß Loest hier das Wort können und nicht wollen nutzt - es wäre interessant zu erfahren, ob es für diese Wortwahl einen Hintergrund gibt!)

Die Antwort auf diese Frage überläßt der Autor - wie so vieles im Leben Mays - der Phantasie des Lesers...

Fazit für mich:

Ein schönes, bewegendes Buch, und als fesselnde Geschichte und Sekundärliteratur unbedingt zu empfehlen - wenn man es nämlich zuläßt, versinkt man gewissermaßen in der fiktiven Realität eines vergangenen, aber bis heute unvergessenen, interessanten Lebens - des Menschen Karl May. :topw:

Simpl

Re: Swallow

Beitrag von Simpl » Di 11. Sep 2012, 11:56

Rih stehe für Emma Pollmer, habe ich vor Jahren einmal in einem anderen Forum geschrieben, auch an den spektakulären energievollen und rauschhaft lebensfrohen Ritt in "Durch die Wüste" denkend, und die meisten werden gedacht haben, jetzt macht er wieder Quatsch, spinnt ein bißchen oder reißt dumme sexistische Witzchen. Neinnein, alles zu seiner Zeit ... ("Sie werden lachen ich mein' es ernst"; Werner Finck) Da ist Energie, Rausch, Lebensfreude, Kraft ... In späten Texten wie "Abdahn Effendi" oder Winnetou IV ist Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi spürbar alt und müde geworden.

Annie O'Toole

Re: Swallow

Beitrag von Annie O'Toole » Di 11. Sep 2012, 11:53

Simpl hat geschrieben:Ein sehr interessanter Gedanke.

Ohne jeden Schmu: überhaupt ein sehr schöner Beitrag.

:wcool:
.... das finde ich auch !!

:topi:

Simpl

Re: Swallow

Beitrag von Simpl » Di 11. Sep 2012, 11:50

Hexla hat geschrieben:Karl May schrieb Abenteuer, spannend und voller Leben, auch solange er mit Emma zusammen war, denn Emma mit all ihrer kapriziösen Art und ihren Unzulänglichkeiten, ihrem Menschsein, war Leben.
Ein sehr interessanter Gedanke.

Ohne jeden Schmu: überhaupt ein sehr schöner Beitrag.

:wcool:

Helmut

Re: Swallow

Beitrag von Helmut » Di 11. Sep 2012, 11:45

Um meinen Quark von oben zu verbessern, ich stimme dem, was das Hexla geschrieben hat, voll und ganz zu. Die Tatsache, dass dieses Buch (endlich) wieder neu aufgelegt wurde, gehört zu den sehr erfreulichen Dingen dieses "Jubeljahres", und - um mich zu wiederholen - ich kann nur wärmstens empfehlen sich dieses Buch anzuschaffen. Ich z.B. verleihe es nicht, weil es einfach zu den (eher wenigen, nach meiner Meinung) "must have" für einen May-Freund gehört!

Helmut

Helmut

Re: Swallow

Beitrag von Helmut » Di 11. Sep 2012, 11:00

Ich würde dem in weiten Bereichen zustimmen, man hat (ich hatte) beim Lesen wirklich oft den Eindruck, Loest wäre da wirklich dabei gewesen; so auch einfühlsam ist das geschrieben.

Helmut

PS.: Ich wollte da noch mehr dazu schreiben, habe aber gemerkt, dass das eigentlich kaum mehr was mit dem Thema und mit dem was Hexla schrieb zu tun hat, und habe dies dann nach "dies und das" geschoben.

Hexla

Re: Swallow

Beitrag von Hexla » Mo 10. Sep 2012, 23:28


Die letzte Seite ist gelesen
„Swallow“
Erich Loest hat es vortrefflich verstanden, mich, die Leserin, an Karl Mays Leben teilhaben zu lassen. Dabei war es beim Lesen des Romans – für mich - erst einmal unerheblich, ob sich alles auch wirklich so zugetragen hat bzw. die Worte, Gedanken von Karl May und der Menschen um ihn herum wirklich so gesprochen oder gedacht waren.
Loest zeigt feinfühlig die „dunklen“ Seiten Mays ohne Effekthascherei oder überdimensionierte Übertreibungen. Er lässt über Richard Plöhn, Fehsenfeld aber auch Emma (gerade sie – im positiven Sinne) durchaus Kritik an May zu, ohne ihn vorzuführen oder auf ihn drauf zu schlagen.
Ich habe hier Klara bewußt außen vor gelassen, denn Klara kritisiert Karl nicht, sie betet ihn an. Ich mag noch nicht einmal beurteilen, ob sie Karl May wirklich geliebt hat.
Auch bei dieser Biographie in Romanform gilt meine Sympathie mehr der ersten Frau Karl Mays.
Ich hab nun auch schon die eine oder andere Biographie zu May gelesen. Eines ist mir aber erst bei Loest aufgefallen und ich weiß noch nicht, ob das so stimmt oder stimmen könnte, aber es ist ein Gedanke: Karl May schrieb Abenteuer, spannend und voller Leben, auch solange er mit Emma zusammen war, denn Emma mit all ihrer kapriziösen Art und ihren Unzulänglichkeiten, ihrem Menschsein, war Leben.
Die Orientreise - man sagt immer, sie hätte Karl May verändert (das mag sein), aber ich glaube, es begann schon früher: Es begann mit Klara. Als Klara in Mays Leben trat, fing Karl May an, literarisch aufsteigen zu wollen…. aber seine Erzählungen, Gleichnisse wurden von den Lesern nicht mehr verstanden….
Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe: Bei manchen Büchern, die ich zu Ende gelesen habe, ist es beim Schließen des Buches ein bissel wie Abschied nehmen.

Ein wunderbares empfindsames Buch!

...meint das :hexla:

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Swallow

Beitrag von Administrator » So 12. Aug 2012, 10:13

Übertrag von der Startseite:

Mitteldeutscher Verlag

Wie uns der Mitteldeutsche Verlag vor Kurzem schriftlich mitteilte, ist eine Neuauflage des Romans "Swallow, mein wackerer Mustang" von Erich Loest erschienen.

In "neuer, frischer Gestaltung ist der Titel", der zuvor in diesem Verlag als Hardcover angeboten wurde,"damit als günstige Taschenbuchausgabe wieder erhältlich".

Erich Loest

Swallow, mein wackerer Mustang

Karl May-Roman

Gebundener Ladenpreis: 12,95 €

Das Buch ist im gut sortierten Buchhandel oder portofrei direkt beim Verlag erhältlich.

(Eingestellt vom 11.07.2012 bis 11.08.2012)
MfG (Mit fränkischen Grüßen) :smilew:

Ihr Webmaster der

Bild

Helmut

Re: Swallow

Beitrag von Helmut » Fr 13. Jul 2012, 17:37

Und um es noch ganz deutlich heraus zu streichen, ich kann nur wärmstens empfehlen, dieses Buch zu kaufen und vor allem es zu lesen.
Meines Wissens saß der Autor Erich Loest in der DDR im gleichen Zuchthaus ein, wie Karl May Jahrzehnte vor ihm, nämlich in Mittweida.

Helmut

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